Quarantäne und bakterielle (Un)-Verträglichkeit

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Quarantäne und bakterielle Unverträglichkeit

 

 

 

Vorneweg eine Quarantäne sollte bei wirklich JEDEM Neuzugang gemacht werden, egal ob Diskus, Wels, Salmler oder sonst etwas. Und ebenso egal woher das Tier kommt!

 

Hauptgrund auch Tiere von denen man sicher weiß, dass sie gesund sind, in Quarantäne zu setzen ist die bakterielle (Un)-Verträglichkeit. Die bakterielle Unverträglichkeit (BU) ist keine Krankheit sondern eine Immunreaktion auf fremde Bakterienstämme.

 

Jedes Aquarium hat seinen ganz eigenen Bakterienmix, den auch der Besatz hat. Bei einer BU treffen zwei verschiedene Bakterienstämme aufeinander die sich nicht vertragen und zum Teil heftige Reaktionen bis zum Tod der Tiere auslösen. Ein gutes Beispiel für eine BU die nichts mit der Aquaristik zu tun hat sind die Indianer die reihenweise am Schnupfen gestorben sind nachdem sie zum ersten Mal mit Europäern in Kontakt kamen. Ähnlich verhält es sich bei unseren Diskus.

 

 

Angenommen ich möchte Tiere von Züchter A mit Tieren von Züchter B mischen. Nun weiß ich sicher dass sowohl Züchter A als auch B gesunde Tiere haben. Allerdings haben die A-Tiere andere Bakterienstämme als die B-Tiere. Nun gibt es vier Möglichkeiten:

 

  • Die Bakterienstämme vertragen sich, und es passiert nichts
  • Stamm A reagiert auf Stamm B, während B mit A zurecht kommt und A bekommt eine BU
  • Stamm B reagiert auf Stamm A, während A mit B zurecht kommt und B bekommt eine BU
  • Stamm A reagiert auf B und Stamm B reagiert auf A, alle Tiere bekommen eine BU. Wobei sich in diesem Fall die Symptome von A und B massiv unterscheiden können.

 

Kommt es zu einer BU kann man diese zwischen einer leichten BU und einer schweren unterscheiden. Eine leichte BU kann schon einfach eine erhöhte Atemfrequenz nach dem Vergesellschaften sein die sich nach einigen Tagen ohne Behandlung normalisiert. In diesem Artikel beginnen wir als leichte BU jedoch mit Symptomen die der Behandlung bedürfen.

 

An dieser Stelle kommt nun meist die Frage, wozu Quarantäne?

 

Irgendwann muss ich es ja riskieren und die Tiere zusammensetzen. JA, ABER eine richtig durchgeführte Quarantäne mit Vorbeugung minimiert das Risiko auf eine schwere BU. Zudem arbeitet man in der Quarantäne mit einem „Testfisch“ und riskiert somit nicht seinen kompletten Altbestand. Die Vorbeugung werde ich im Ablauf erläutern. Abschließend werde ich noch erläutern wie man eine BU behandeln kann. Sowie durch was man sich eine BU ohne neue Fische einfangen kann.

 

Nun aber zuerst zur Quarantäne und deren Ablauf.

 

 

Tag 0: Vorbereitung für die neuen Fische

 

Im Idealfalle hat man ein Lido 120 oder 200 für diesen Zweck da stehen. (Ich empfehle das Lido, weil es zum einen sehr günstig ist, und zum anderen durch die Würfelform perfekt geeignet um Diskus auf kleinem Raum zu pflegen. Natürlich sollte der eingeklebte Innenfilter entfernt werden.)

 

Das Quarantänebecken (QB) sollte einige Tage bevor die neuen Tiere abgeholt werden bereits gefüllt werden und der Filter angeschlossen. (ich verwende einen Eheim Außenfilter bis 350l) Den Filter befüllt man mit 1l Zeolith und Watte. Zeolith, da dieses die Fähigkeit hat per Ionentausch Ammonium zu binden, was sehr hilfreich ist, um die Wasserwerte bei der Quarantäne im grünen Bereich zu halten. Weiterer Vorteil, da Zeolith so günstig ist tut es gar nicht weh wenn das Filtermaterial nach der Quarantäne entsorgt wird. Aus diesem Grund auch Watte, ist günstig und wirkungsvoll.

 

Einrichtung Quarantänebecken:

 

Prinzipiell gilt hier: keep it clean and easy.

 

Dies bedeutet am besten keinerlei Bodengrund, wenn dann maximal 1cm neuen Sand, den man nach der Quarantäne entsorgen muss.

Eine Kunstwurzel oder kleine Naturwurzel (nach jeder Verwendung für 30 Minuten bei 180°C im Backofen sterilisieren) mit Saugern, wobei die Sauger ebenfalls neu sein sollten und nach der Benutzung entsorgt werden.

Mögliche Einrichtungen eines Quarantänebeckens, bei dem linken Becken wurde der Boden mit 1cm Sand bestreut, da die Tiere beim Einzug nachweislich gesund waren. Beim rechten Becken wurde auf Bodengrund komplett verzichtet da das in Quarantäne befindliche Tier keinen guten Allgemeinzustand zeigte.

 

 

Nötiges Zubehör:

 

Im Becken:

 

  • Thermometer
  • Heizstab
  • Membranpumpe mit NEUEM Ausströmer (nach der Benutzung ebenfalls zu entsorgen).
  • Im Idealfall 11Watt UVC Innenfilter.

 

 

Zusätzlich:

 

  • 9/12er Schlauch zum Absaugen von Futterresten.

 

 

Tag 1: Ankunft der Fische

 

Man hat die Tiere selbst abgeholt und der Transport hat nicht länger als 3 Stunden gedauert

 

In diesem Fall, setzt man die Neuzugänge mit ihrer Tüte in einen Eimer (Tüte sollte nicht umkippen können) und lässt langsam Wasser aus dem Quarantänebecken dazu laufen bis die Tiere mehr Quarantänewasser als Transportwasser haben. Ich persönlich verwende dafür einen Luftschlauch mit dem ich ansauge.

 

Danach fängt man die Tiere mit der Hand oder einem feinmaschigen Netz (siehe: der richtige Kescher) aus der Tüte und setzt sie ins QB. Den Wassermix aus der Tüte entsorgt man, oder nutzt ihn zum Blumen gießen.

 

 

Die Tiere wurden per Versand geliefert

 

Hier muss als erstes die Wassertemperatur bestimmt werden. Dies macht man am besten indem man ein Thermometer in der Styroporbox zwischen zwei Tüten klemmt und nach einer Minute abliest. Ist der Temperaturunterschied größer als 5°C zum QB sollten die Tiere bei geschlossener Tüte erst langsam aufgewärmt werden. Dies geht am besten indem man warmes Wasser in die Thermobox gießt. (Alle 10 Minuten 2-3l, 3 Grad wärmer als das QB)

 

WICHTIG!!! Bitte niemals unterkühlte Tüten aufs Aquarium legen, dadurch würden die Tiere zu schnell aufgeheizt und könnten einen Schock erleiden!

 

Ist die Temperatur angeglichen, verfährt man wie oben beschrieben, allerdings sollte die Eingewöhnung zügig voran gehen und nicht länger als 15 Minuten dauern. Bei mehr als 2 Tüten am besten immer nur zwei Tüten gleichzeitig öffnen.

 

Dies hat den Grund, dass die Tiere zum einen in der geschlossenen Tüte mehr Luft haben, da sie i.d.R. mit reinem Sauerstoff verpackt werden, und zum anderen kann es aufgrund der angesammelten Schadstoffe und Stoffwechselprodukte bei zu langsamer Eingewöhnung aufgrund chemischer Reaktionen zu einem pH-Schock und weiteren Komplikationen kommen.

 

 

Tag 2-5: Beobachten und füttern

 

Mit etwas Glück gehen die Tiere bereits am zweiten Tag ans Futter. Die ersten drei bis vier Tage sollte man nutzen die neuen Tiere ganz genau zu beobachten. Beschaffenheit des Kot, bricht evtl. eine Stresskrankheit vom Transport aus, zeigen die Tiere Anzeichen für Parasiten.

Ebenso kann man gut testen welches Futter die Tiere gern mögen. In den ersten Tagen gilt hier verwöhnen, was sie mögen bekommen sie auch. Am wichtigsten bei neuen Tieren ist, dass sie fressen, ohne Futteraufnahme kann das Immunsystem keine Arbeit leisten und ohne ein funktionierendes Immunsystem bringt alle Bemühung des Pflegers nichts.

 

Futterreste sollten etwa eine halbe Stunde nach jeder Mahlzeit abgesaugt werden.

 

 

Tag 6: Vorbereitung zur Vorbeugung

 

Vorausgesetzt die Tiere zeigen keine Anzeichen für Parasiten oder andere Krankheiten kann man nach etwa einer Woche mit der Vorbeugung beginnen. Zeigen sie Anzeichen sollten diese natürlich zuerst behandelt werden.

 

Sind die Tiere bereit, sollte man in seinem Gesellschaftsbecken (GB) und im Quarantänebecken je einen großen Wasserwechsel bzw. eine Aufbereitung vornehmen. Kurz bevor das Licht ausgeht dosiert man in beide Becken Milchsäurebakterien (MSB) 15ml / 100l. Bewährt haben sich hierfür Anarex Bio 4 logisch (erhältlich im Zoohandel in der Koi Abteilung) oder Kanne Fermentgetreide bzw. Brottrunk.

 

Milchsäurebakterien werden von den Koi-Kichi (die sind in etwa das hardcore-verrückte Äquivalent zu uns nur halt im Kaltwasser ;) ) seit Jahrzehnten eingesetzt um leichte bakterielle Erkrankungen zu behandeln, Tiere die unter Fressunlust leiden ans Futter zu bringen und zur Vorbeugung von bakteriellen Unverträglichkeiten bei Neuzugängen.

 

Hierbei wird das Prinzip gute Bakterien verdrängen schlechte Bakterien genutzt. Respektive im Falle der BU Vorbeugung wird versucht die fischeigenen Bakterienstämme quasi zu resetten.

 

 

Tag 7-20: BU Vorbeugung

 

Ab dem 7. Tag beginnt man nun den neuen Tieren nach und nach Wasser aus dem GB zuzuführen. Gut bewährt hat sich (200l QB) täglich 50l Wasser aus den QB ablassen und mit 20l aus dem GB sowie 30l Frischwasser aufzufüllen. Zusätzlich alle zwei Tage 10ml /100l MSB in beide Becken.

 

Während dieser Zeit MÜSSEN die neuen Tiere sehr genau beobachtet werden.

 

  • Atemfrequenz
  • Farbe (Achtung bei Blue Diamond, Pigeon Blood u.ä. diese sind genetisch nicht mehr in der Lage sich dunkel zu färben)
  • Schleimhäute
  • Flossenränder
  • Kiemen

 

Zeigen sich Anzeichen einer BU muss sofort gehandelt werden. Großzügiger Wasserwechsel sowie medikamentöse Behandlung der Tiere.

 

 

Tag 21-35: BU-Test

 

Haben die Neuzugänge die kritischen 13 Tage gut überstanden wird es Zeit an den Altbestand zu denken. Hierfür entnimmt man ein Tier und setzt es zu den Neuen.

 

Die Behandlung mit MSB kann alle 3-4 Tage (in beiden Becken) fortgeführt werden um das Immunsystem der Tiere zusätzlich zu unterstützen und potentiell schädliche Bakterienstämme zu verdrängen.

 

Nun müssen ALLE Tiere ganz genau beobachtet werden. Am kritischsten sind die ersten 4 Tage. In dieser Zeit sollten die Tiere rund um die Uhr beobachtet werden damit beim kleinsten Anzeichen einer BU sofort behandelt werden kann. Nach zwei Wochen ist das gröbste überstanden und die Neuen können bedenkenlos zusammen mit dem Testfisch ins GB einziehen.

 

 

Formen der BU

 

Eine BU kann sich auf sehr viele verschiedene Arten zeigen. Es gibt jedoch ein paar charakteristische Anzeichen auf die man besonders achten sollte:

 

  • Atemnot, heftiges Atmen, Kiemen flattern, an der Oberfläche hängen
  • Apathisch in der Ecke stehen
  • Dunkel werden (ACHTUNG! Viele Zuchtformen KÖNNEN sich nicht mehr dunkel färben)
  • Schleimhautverdickung
  • Schleimhautablösung
  • Trübe Augen
  • Flossenfäule
  • Aufplatzende Wunden

Links: massive Schleimhautablösung bei einer BU

         Rechts: Flossenfäule mit Nekrose des angrenzenden Gewebes

 

 

Oft wird angenommen, dass man solange man Tiere vom gleichen Züchter nimmt kein Risiko für eine BU da wäre, dies ist jedoch FALSCH. Das Risiko auf eine schwere BU ist zwar um einiges geringer wenn man seine Tiere alle beim gleichen Züchter kauft. Dennoch bleibt ein Risiko.

Jedes Tier hat seine eigenen Bakterien die es von den Eltern schon als Ei mitbekommt und nimmt im Laufe seines Lebens die Bakterien aus jedem Becken in dem es mal sitzt auf. Unsere Tiere zuhause haben nun ihre Grundbakterien, dazu kommen die die sie schon beim Züchter „einsammeln“. Ggf. hat der Züchter sie zuerst an einen Großhändler verkauft wo nochmal neue Stämme dazu kommen, von wo sie in den Handel kommen und dann zu uns.

 

Nun entwickeln sich die Bakterienstämme aber stetig weiter, dies bedeutet die Tiere verlieren gewisse Stämme und bilden neue. Somit hat man sowohl zuhause als auch beim Züchter eine stetige Entwicklung die sich nach einer Weile nicht mehr zwingend vertragen muss.

Oder ganz einfach.

 

In meinem GB schlüpfen junge L333, diese entnehme ich zur Aufzucht in ein separates Becken, in diesem Becken entwickelt sich aus dem was die Jungtiere von meinem GB mitbringen ein eigener neuer Bakterienstamm. Setze ich die Tiere nach ein paar Monaten der Aufzucht zurück ins GB kann es im schlimmsten Fall sogar bei meinen eigenen Tieren zur BU kommen.

 

 

Behandlung

 

Bei einer leichten BU kann schon ein Salzbad in Kombination mit großzügigem Wasserwechsel helfen. Allerdings sollte sich eine deutliche Besserung innerhalb von 24h Stunden zeigen.

 

Bis zum Stadium leichte Flossenfäule mit Dunkelfärbung kann man eine Behandlung mit Virumor nach Packungsbeilage starten. Allerdings sollte sich auch hier innerhalb von 24h eine deutliche Besserung zeigen.

 

Verschlechtert sich der Zustand der Tiere sollte sowohl bei der Salz- als auch bei der Virumorbehandlung sofort ein großzügiger Wasserwechsel vorgenommen werden und eine Behandlung mit Baktopur direct begonnen werden.

 

Das Baktopur direct ist in Deutschland leider nicht erhältlich, und sollte schon vor den Fischen für den Notfall bereit stehen. Das normale Baktopur aus dem Zoohandel ist im Falle einer BU leider absolut unwirksam.

 

Baktopur direct Wirkstoff: 27,6 mg Nifurpirinol proTablette

Baktopur Wirkstoff: 209,7 mg Acriflaviniumchlorid, 4,95 mg Methylthioniniumchlorid in 100 ml

 

Beziehen kann man Baktopur direct online:

 

http://www.zooshop-eu.de/produkt/pflege-und-medizin/sera/medizin/sera-baktopur-direct-100-tabletten-fur-5000l?gclid=Cj0KCQiAnOzSBRDGARIsAL-mUB192VDOWJTznzQujVxxAp6sS3O06M9CHLXGIegNA4Ac2G7fX2DvcfgaAq2gEALw_wcB

 

 

 

Dosierung:

 

1 Tablette pro 50l Wasser.

 

Eine Woche lang täglich 50% Wasserwechsel mit Nachdosierung

 

Achtung! Baktopur direct killt wirklich alles, auch eure Filterbakterien!!!

 

Es gibt noch weitere Möglichkeiten der Behandlung, sowie andere Medikamente. Alternativen sollten mit einer sachkundigen Person genau durchgesprochen werden, am besten unter Anleitung eines fischkundigen Tierarztes.

 

Habt ihr den Verdacht auf eine BU, bitte zeigt SOFORT Fotos und im Idealfall Videos der Tiere. Gebt uns genaue Informationen ob und wie ihr die Quarantäne durchgeführt habt, und seid bitte ehrlich.

 

Niemand wird euch für Fehler oder Nachlässigkeiten Vorwürfe machen, aber jede Information die ihr aus Scham zurück haltet könnte eure Tiere das Leben kosten!

 

Um schnellstmöglich Hilfe und Rat zu bekommen verlinkt im Notfall das komplette Admin-Team. Einer ist fast immer erreichbar und kann euch helfen.

 

Macht bitte keine Experimente mit irgendwelchen Medikamenten, schon gar nicht wenn euch versprochen wird das hilft gegen alles.

 

 

Wo eine BU sonst noch herkommen kann

 

Prinzipiell kann ALLES, wirklich alles eine bakterielle Unverträglichkeit auslösen. Garnelen, Schnecken und sogar Pflanzen und Wurzeln.

Bei Garnelen und Schnecken kann man prinzipiell eine Quarantäne durchführen, besser jedoch ist es nur Tiere einzusetzen die garantiert noch nie Kontakt mit Fischen hatten.

 

Wurzeln sollte man nach Möglichkeit niemals gebraucht kaufen sondern immer neu, gleiches gilt für Bodengrund, Filter und alles andere was mit dem Aquarium in Berührung kommt.

 

Bei Pflanzen kann man diese vor dem Einsetzen ins Becken für eine Woche in ein Intensivbad aus Virumor (zehnfach dosiert) oder in ein Bad aus Baktopur direkt legen. Allerdings sollte man den Pflanzen einen Luftsprudler gönnen, damit sie im Eimer nicht anfangen zu faulen.

Was man in den Backofen legen kann, kann man auch bei 180°C für 30 Minuten sterilisieren.

 

Abkochen hilft nichts, da abkochen nur einen Bruchteil der Keime töten würde.

 

Vorbeugen ist IMMER besser als behandeln.